Wenn Menschen Menschen helfen

Elderly man in wheelchair and caregiver looking at photo album

Pflegerinnen und Pfleger helfen Menschen, welche auf Hilfe angewiesen sind. Sie begleiten und helfen Pflegebedürftigen in sämtlichen Lebenssituationen. Wie streng und intensiv dieser Beruf ist, wird aber immer noch unterschätzt. Eine Reportage in der SSBL Luzern.

Bildunterschrift: Der Pflegeberuf wird allgemein als wichtig wahrgenommen. Doch nur wenige wissen, was effektiv dahintersteckt. (Bildquelle: KI-generiert)

Zum Abschied gibt es eine herzliche Umarmung: Heidi Wyss wird von ihrer Arbeitskollegin Noemi umarmt, welche gerade Feierabend hat. Eine Szene, welche sinnbildlich für die Barmherzigkeit, Empathie und die gegenseitige Wertschätzung in der SSBL Luzern (Stiftung für selbstbestimmtes und begleitetes Leben) ist.

Heidi arbeitet seit 4 Jahren in der Wohngruppe 3 der SSBL. 2021 wagte die gelernte Kauffrau den Quereinstieg in den Pflegeberuf und absolviert derzeit die entsprechende Ausbildung. Der Einstieg war alles andere als einfach, zumal die zweifache Mutter zuvor über mehrere Jahre nicht arbeitstätig war. Wobei sie auch betont: «Dass ich Kinder grossgezogen habe, hilft mir in vielen Aspekten des Arbeitsalltags. Zum Beispiel geduldig sein.» Bei der SSBL betreut sie Erwachsene mit einer schweren Beeinträchtigung.

Pflegeberuf hat schweren Stand

Der Pflegeberuf hat nach wie vor einen schweren Stand, es fehlt qualifiziertes Fachpersonal. Der sogenannte Fachkräftemangel ist in der Pflege omnipräsent. Die psychische und physische Belastung ist hoch, weshalb viele den Beruf wechseln und sich für eine andere Tätigkeit entscheiden. Gerade auch in der Pflege mit Schwerbeeinträchtigten ist die körperliche Belastung sehr hoch, was auch Heidi immer wieder zu spüren bekommt. Die Erholung spiele eine wichtige Rolle, wie sie selbst sagt.

Hinzu kommt, dass der Beruf immer noch zu wenig Anerkennung bekommt und mit vielen Stereotypen zu kämpfen hat. Vieles davon ist längst überholt oder widerlegt. Etwa, dass es ein reiner Frauenberuf ist, man keine Freizeit hat, schlecht bezahlt wird und der Arbeitsalltag monoton ist.  

Abwechslungsreicher Alltag

 Von einem monotonen Arbeitsalltag kann aber wahrlich keine Rede sein, auch beim SSBL in Luzern nicht. Es gibt zwar wiederkehrende Arbeitsabläufe wie das Präparieren von Medikamenten, die Essenseingabe oder auch das Zubettgehen am Abend. Wie diese verlaufen, ist aber unterschiedlich. Schliesslich hat man es mit Menschen zu tun. Menschen haben Stimmungsschwankungen, mal sind sie besser oder schlechter gelaunt. Zudem hat jede pflegebedürftige Person unterschiedliche Bedürfnisse, der Grad an Selbständigkeit ist sehr unterschiedlich, wie die Essenseinnahme am Abend zeigt.

Die Essenseinnahme erfolgt bereits um 17 Uhr. Doch bevor es mit der Essenseingabe losgehen kann, müssen Medikamente präpariert werden.  Diese Verantwortung liegt bei jener Person, welche Spätschicht hat. An jenem Mittwochabend ist dies Heidi. Akribisch bereitet sie für alle Bewohner der Wohngruppe 3 die Medikamente vor, welche parallel zum Abendessen eingenommen werden müssen. Ein ständiger Begleiter dabei ist das iPad, in dem alles detailliert notiert wird. Beispielswiese muss sie prüfen, wie es um den Stuhlgang der Bewohner steht. Allenfalls hat dies je nach notierten Infos zur Folge, dass noch abführende Medikamente beigelegt werden.

Auch bei der Essenseingabe hat sie aufgrund der Spätschicht eine feste Aufgabe: Die Essenseingabe bei Anna*. «Die Person, welche Spätschicht hat, macht bei ihr die Essensausgabe. Sie braucht eine feste Bezugsperson», sagt Heidi. Anna ist aufgrund ihrer Beeinträchtigung an den Rollstuhl gebunden und kann das Essen nicht selbst einnehmen. Entsprechend ist bei ihr eine engere Betreuung nötig.

Viel Geduld und Einfühlvermögen nötig

Für solche Aufgaben braucht es von Pflegenden viel Geduld. Besonders beeindruckend ist aber die Kommunikation zwischen Heidi und Anna, welche nicht sprechen kann. Dennoch können sie miteinander kommunizieren. Aufgrund bestimmter Laute und Geräuschen weiss Heidi sofort, wann Anna etwas trinken möchte, wann sie genug gegessen hat und ob sie das Essen überhaupt mag.

Nachdem die Essenseingabe beendet ist, geht es ans Aufräumen. Die Tische werden geputzt, das Geschirr gereinigt und die Bewohner können sich ihrer Freizeit widmen. Theo* beispielsweise schaut nach dem Abendessen im Gemeinschaftsraum Fernsehen. Wenn das Aufräumen beendet ist, geht es schon bald darum, die Bewohner ins Bett zu bringen.

Starke Körperbelastung

Diese Tätigkeit ist ein Beispiel für die hohe körperliche Belastung im Pflegeberuf. Wie hoch ist diese ist, hängt auch hier mit der Selbständigkeit der Bewohner zusammen.

Als Erstes kümmert sich Heidi um Anna. Das Zubettgehen beginnt mit Zähneputzen. Danach wird Anna von Heidi ins Bett gehievt, um ihr anschliessend die Einlagen wechseln und die Nachtwäsche anziehen zu können. Anna zeigt sich dabei sehr kooperativ und macht gut mit, was den Job schon wesentlich einfacher macht. Kaum schaltet Heidi ihr Sternenlichtspiel ein, schläft sie ein.

Danach kümmert sich Heidi um Thomas* und Matthias*. Thomas kann sich mit dem Rollstuhl selbständig fortbewegen und braucht entsprechend auch beim Zubettgehen etwas weniger Hilfe. Thomas braucht etwas mehr Betreuung, etwa auch beim Gang zur Toilette, bei dem maschinelle Hilfe beansprucht wird.

Einfachere Aufgaben zum Abschluss

Gegen 20:00 Uhr wird es langsam ruhiger in der Wohngruppe, beinahe alle Bewohner sind mittlerweile im Bett und haben sich ins Land der Träume verabschiedet. Nun hat Heidi Zeit, um sich um andere Dinge zu kümmern – etwa die Bestellung von neuer Bettwäsche oder die Vorbereitung der benutzten Wäsche, welche zur Reinigung weitergeht. Um 22:00 Uhr kann sich dann auch Heidi ausruhen, die Abendschicht ist zu Ende.

Anmerkung: Namen und detaillierte Diagnosen wurden zum Schutz der Persönlichkeit abgeändert oder nicht ausformuliert.

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